Das Dosierte Leben
Das Dosierte Leben No. 31- In der Form
Das Dosierte Leben No. 31 - In der Form

 


 
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Fernand Hoerner Buchstabheuschrecke Modell

„K“

K wie Kilosophie

Der kartesische Hund…
gehorcht dem Ersten das kommt und ihn denkt
Hunge Grünbein

Kant der Käfer wurde nicht gefragt

Verkant ist das Kaos, an dem du, Karl, dich labst:
Kierkegaards Karpfen katechisieren den Papst,
Calvins Kamel karamboliert mit kartesischem Hund,
Kafka in Kaftan beklagt Kasteiung, na und?
Kasten auf Kasten stapelt Kasi, der Kamm,
Haarspaltereien von Kamen bis Hamm.

Kawenzmänner steinkastanien Kalka zu Schutt,
Verkalkte Kataraktärzte Heilen den butt,
Kannibalische Kaulquappen Kabeln den jau,
Karge Karachos kasachstanen wie Sau,
Kierkegaards Fotos kompromittieren den Papst,
Prekär ist das Kaos, an dem du, Kant, dich labst.

Karamellkanten kanzeln Katastrophenkaff ab,
Kastrierte Kazellen kauen artig Kebap,
Kakophonische Kaltblüter kappen den Taft,
Karatekapitalisten stehn gut im Saft,
Kafka in Kaftan beklagt Kakamachen und
Calvins Kamel karamboliert mit kartesischem Hund.

Kabale und Kriege kab´s beim Casting von Kohl:
Kapuzenkatholisch korrumpierst du dich wohl,
Karatekapitalismus tritt kränklich in Kraft,
Kapitulieren vorm Kaos, Calvin hat´s geschafft.
Kaste für Kaste schlichtet Kandhi, das Lamm,
Karma-Spaltereien von Kalbfleisch bis Kamm.

Du, Kant, kamst kämpfend, kamst kalbend dazu,
Kamst Neskaffee kränzend auf Kaba der Kuh,
Du konntest kaum kampen im kargen Gebälk,
Geschweige denn kalken, das Kraut war zu welk.

Krasse Karpaten hautest du, Karl, kapott,
Kautest die Karos kalauernd zu Schrott:
Katzen für Kahle und Karten für Kain,
Katalytische Kappen auf Kapern ganz klein,

Katharsis-Katarrhe für den Kaiman,
Kalipso und Kargo für Kai, meinen Ahn,
Katheder für Inkas, und Kas für den Rest:
So, Karl, kaschierst du den Wörter-Inzest.

 

DAS DOSIERTE LEBEN NUMERO 31 REH-ZENSIONEN

CD „99 Cent“ von Chicks on Speed (Chicks on Speed-records)

Alle Welt spricht von “Pink” oder “Peaches”, wenn sie femininen Punkrock meinen. Hier sind die echten Knaller: Die Chicks on Speed. „We don’t play Guitars“ und „Universal Pussy“ sind Quasi-Manifeste ungebremster und origineller Kreativität. In dieser Platte ist Groove drin, da kommt die Message rüber! Musikalisch stellt sich dies nicht als pseudo-aggressiver Rum-Gerumpel dar, sondern ist durch eine freche Eleganz geprägt. Die drei Damen präsentieren sich auf dem Collagencover in drei weissen Overalls, sie entstammen der Modeszene und der disziplinenübergreifende Kunstansatz hat wilden Charme. Es ist, als ob die unvergessenen „Flying Lizards“ 1981 in eine Zeitmaschine gestiegen wären und erneut auf Terra gelandet wären. Eine abwechslungsreiche Platte aus einem Guss.

Werbeslogan: „Die Flying Lizards des jungen Jahrtausends!“


CD „Pleasure“ von „Pleasure“ (Circus Records“)

Schnalzende Elektronika der alten Schule entwirft dieser junge Mann. „Lots of computers were involved in the making of this recording“ lesen wir im Beiheft und so ist es. Diese elektronischen Gesellen werden glücklicherweise in einer Art und Weise zum Einsatz gebracht, dass das Ergebnis ein mehr als erfreuliches ist. Allerbeste Elektroniksongs! Auch in dieser Platte ist Groove drin, da kommt die Message rüber! Fast bedauert man es, dass bereits nach 10 Songs die Party vorbei ist, doch tröstlicherweise gibt es die Repeat-Taste. Auch hier ist die alte Schule angesagt: Eine LP war halt um die 40 Minuten lang und so ist es auch hier. Diese Platte ist als Gesamtwerk zu betrachten, nehmen wir dennoch ein Lied heraus, so ist dies der „Disco-Doctor“, der absolute Stehblues-Qualitäten hat und von welchen aktuellen Liedern ließe sich dies heute guten Gewissens behaupten? Und: das Beiheft ist gewürzt mit sagenhaften surrealistischen Foto-Collagen, die es wert wären, als Posters verkauft zu werden!

Werbeslogan: „Als wäre das weiße Album der Beatles mit Synthesizern eingespielt worden!“


CD „Law and Order“ von Pure Lüge (Produktion Servil/Fürstenschlag)

So selten wie aus den “Waschzetteln”, wie die Textbeilagen zu Rezensionsexemplaren etwas despektierlich bezeichnet werden zitiert werden sollte, so gerne mache ich es in diesem Fall: „POPMUSIK: Höchste Künstlichkeit, deshalb eine pure Luege. PURE LUEGE: Freundschaft, Hedonismus, Imagination und Improvisation. LAW & ORDER: Eigenes Gesetz trifft eigenen Auftrag. Analoges digitalisieren, digitales analogisieren. FRÜHER UND HEUTE: Jeden Tag eine neue Band gründen. Weil: wir lieben alles. Und: Wir können alles.“ In der Kürze liegt die Würze. Oder: Manchmal macht es nur die Dosis! So weltraumartig wie dieser Text sich irgendwo in den Randbezirken der Unendlichkeit verliert, so fließt die Musik daher. Aber nicht in die Beliebigkeit, sondern ins psychedelische Gewissen, das bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Bei mir ist es sehr stark ausgeprägt und deshalb knallt die Platte. Eine Riesenerkenntnis ist das Lied „Jetzt!“, das es ja nicht gibt, denn was wir jetzt denken, ist ja jetzt schon wieder vorbei. Dieses Lied war auch auf der November-SPEX-CD und sofort erkannte ich die Shiny Gnomes, jene sagenhafte Nürnberger Psychedelicatessen-Band aus den neunziger Jahren. Schön, dass es sie noch IN DER FORM gibt.

Werbeslogan: „Musik für die Randbezirke der Unendlichkeit!“


CD „Psymphonettes“ von THE GOD BOX (Phantasmagoria)

Grüne Schrift auf rotem Grund. Wortspiele, die mit „Ps“ wie „Psychedelia“ beginnen. Musik, die sich anhört wie die Psunspots der Dukes of Stratosphaer. Sitar und Mellotron sind wieder da, hurra! Die 1000. New-Psychedelia-LP und dennoch muss man sie haben, denn sie atmet den Geist des 3. Jahrtausends. Die Shiny Gnomes sind Schelme, denn ebenso wie bei der oben besprochenen „Pure Luege“-CD sind sie es, die hier den psychedelischen Einfluss fröhliche Urständ’ feiern lassen. Als die „Götterschachtel“ sind sie ungleich erdiger und mit echten Songstrukturen am Start und beide sind es würdig, zu ihrer jeweiligen Zeit gehört zu werden. Eine helle Freude also für uns Koexistenzialisten. In Deutschland wird außer von der „Mandragora Lightshow Society“ zur Zeit keine bessere bewusstseinserweiternde Musik produziert.

Werbeslogan: „Psuper Mucke!“


CD „Sei wie Du bist“ vom Honigdieb (Kunterbunt)

Sir Hannes Smith ist der Honigdieb. Und von seiner ganzen Anmutung und Identität ein Freigeist, ein hochorigineller und dennoch sympathischer und zugänglicher Mensch. Ein Performance-Künstler, ein Lebenskünstler, vielleicht ein moderner intelligenter Clown. Dies kommt auf den Credits rüber, wo er sich bei seinem „kleinen Butterblümchen“ ebenso bedankt wie beim „Universum und den Plejaden für göttliche Kraft“. Auf dem Cover posiert ein Esel, im Inneren des Heftes er: halbnackt und ganz nackt. Gelobt werden muss hier auch der geniale Name „Honigdieb“, bei dem ich mir immer diebische vor Bienenschwärmen flüchtende Bären vorstellen. Köstlich wie Honig ist auch die Musik dieses modernen Klimek. Der Einsatz von Violinen, Querflöten und Kontrabass macht dieses werk zu einem außergewöhnlichen Klangerlebnis, denn von 14 Liedern sind 10 absolute Ohrwürmer. „Kannst Du was, bist Du was“ verfolgte mich tagelang im Schlaf! Und er singt über alles, auf das es beim Leben ankommt: Die Suche nach dem Glück, Tage ohne Schatten, abgelegte Madames, Kosmotransponauten, natürliche Beziehungen, Telefonsexbeziehungen und Luderbeziehungen. Die textliche Annäherung an diese Themen ist hochoriginell. Endlich mal eine einzigartige unverwechselbare deutsche Platte. Alle Dosisten hoffen auf einen Nachfolger, Sir Smith.

Werbeslogan: „Er klaut Honig und entschädigt mit musikalischem Nektar!“


CD „Communication“ von Karl Bartos (Home Records/SONY MUSIC)

„Ich war ein Roboter“ heisst der Titel eines unglaublich interessanten Buches von Wolfgang Flür, der in den besten Jahren der Gruppe Kraftwerk ebenso wie Karl Bartos Bestandteil dieser Formation war. Wie schwierig es die beiden „Roboter der Kategorie B“ hatten, dies ist in besagtem Buch belegt. Nun, wer Kraftwerk an Kraftwerk misst, der kann mit der neuen langerwarteten CD „Tour de France Remixes“ nicht glücklich werden. Hören Sie liber das Meisterwerk „Die Mensch Maschine“ zum 612. Mal, bevor sie diese Platte einer Legende, die sich selbst zerstört kaufen. Hingegen äußerst empfehlenswert ist das Opus „Communication“ des „freien Roboters“ Karl Bartos. Treibende Maschinenelektronika mit Groove, Charme und Sex-Appeal funktionieren in Lounge UND im Tanzclub. Thematisch-konzeptionell geht es um das stets präsente Thema „Kommunikation“, was zugegebenermaßen in den achtziger Jahren innovativer gewesen wäre als heute, doch tut dies dem entspannten Hörgenuss keinen Abbruch. Konsequent die „Unternehmensidentität“ unterstützend ist auch das Artwork, das mit plakativen schwarz-weissen Piktogrammen daherkommt. Auch dies ist nicht die „wahre Kraftwerkplatte“ (dazu müsste sie stringenter, deutscher und schlüssiger konzipiert sein), doch ist dies sicherlich nicht der Anspruch des Künstlers. Allemal die besseren Roboterstimmen hat ER! Und ER ist die Message. Ein erfrischendes zeitloses Werk!

Werbeslogan: „Karl Bartos überholt seine ehemaligen Kollegen von Kraftwerk ganz lässig rechts!“


CD „Zwei“ von Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf (Schinderwies-Productions)

Merken Sie sich den Namen. Und wenn er Ihnen zu lang ist, merken Sie sich den Namen „Schinderwies-Productions“. Oder wenigsten den Hirschkäfer, denn genialerweise hat dieses Label einen Hirschkäfer als Logo. Es handelt sich um total nette Leute! „Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf“ ist ein gerade mal zwanzig Jahre alter Mann, der hier so nebenbei die unglaublichste Frickelmusik auf den Markt bringt, die vom Großteil der ach so innovationsorientierten Musikpresse geflissentlich überhört wird. Das gesamte Konzept ist ein geschlossenes, nämlich Minimalismus par excellence. Dies beginnt beim sensationell kargen Artwork und endet bei den Nicht-Titeln der Lieder (das brachten bislang nur „The Hair and Skin Trading Company“ ähnlich kompromisslos). Das Bombastischste ist der Name! Die zehn Titel flickern und flackern überraschend eingängig ins Unterbewusstsein, mal beiläufig, mal sich in Erinnerung bringend. Falls Sie sich nicht trauen, testen Sie „Titel 9“ an. Aber ich befürchte, notorische Massenmedienopfer holen sich doch stattdessen die neue von Aphex Twin...

Werbeslogan: „Zen-Musik für Dampfwalzenfahrer!“


CD „Wie man mit Jazz die Herzen der Frauen gewinnt“ von Joseph von Westphalen

CD „Mehr Jazz!sagten die Frauen“ von Joseph von Westphalen (beide auf Kein und Aber Records)

„Dies ist also keine Mogelpackung“ so begrüßt uns der jazzy Joseph auf dem Cover, denn: „Käufer! Hast Du im Ernst geglaubt, man könne mit Jazz-Stücken Frauen erobern? Man kann!“. Westphalen legt uns in diesen CD-Sets (4 CDs und 2 CDs) nichts anderes vor, als den Kanon des lässigen und lifestyle-kompatiblen Jazz. Und dies auf eine hoch originelle und wunderbar präsentierte Art und Weise: In großartigen Begleitbüchern werden Werk und Künstler ausführlich, kompetent und bebildert vorgestellt. Und das Einzigartige daran: Es handelt sich um den „weltweit ersten Roman-Soundtrack“, was besagt, dass Herr von Westphalen vorher Bücher geschrieben hat, in denen der Hauptprotagnist, Harry von Duckwitz, wohl allerhand erlebt und dazu Jazz hört. Jazz, den von Westphalen in diesen Büchern namentlich benannte. Und den er wohl immer mehr Menschen als Mix auf Kassette ziehen musste, bis es ihm zuviel wurde und er eben diese beiden (und noch ein drittes „Jazz macht Frauen Beine“) Werke im originellen Kein und Aber – verlag in der Schweiz veröffentlichte. Nun, die „Frauen“-Titel sind ein wenig peinlich, doch ebenso auffällig. Und die Musik ist in der Tat für vieles geeignet. Experimentelles wie Sun Ra und Neues wie E.S.T kommt zwar nicht vor, doch die gesamte Palette des „Old-School-Jazz“ aus der 1. Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Da knistert es in doppeltem Sinne: Von den Vinylformaten, die zugrunde lagen einerseits und beim Hörer (oder der Hörerin!) andererseits. Und die Wirkung bei Frauen? Meiner Frau gefällt’s sehr gut. Ob die CD geeignet ist, um bei vielen Frauen zu landen, probiere ich als treuer Mensch natürlich nicht auch. Diesen Aufruf geben wir an die Leser, die Junggesellen sind. Erfahrungsberichte bitte an die Redaktion. Auch wenn Sie nicht derlei Ambitionen haben. Holen Sie sich diese Mucke (vor allem die erstgenannte mit 192 Seiten fettem Buch im CD-Format dabei! Auch als Frau sollten Sie diese Werke einschlägigen Jazz-Samplern von Brigitte, Allegra oder Amica vorziehen. Und schon gar nicht warten, bis das Dosierte Leben eine Jazz-CD veröffentlicht. Denn das wäre Free Jazz. Und der würde Frauen sehr wohl Beine machen – die würden allerdings in die falsche Richtung laufen...

Werbeslogan: „Schwungvolle musikalische Verführungsdosen mit Riesen-Beipackzettel“


CD „“Rose de Shiraz“ von Troyer (Deluxe Records)

Besser gesagt : Ulrich von Troyer. So heisst der sympathische junge Mann, der uns hier ein Kleinod der nicht-sterilen Maschinenkunst kredenzt. Nachdem der „Tellerwäschermillionär“ den Markt eröffnet hat, nimmt uns das persisch gewisperte „Je’t aime“ dank seiner monoton-souveränen hypnotischen Eleganz ganz in seinen Bann. Beim „Teddystep“ stand Kraftwerk Pate, das „Romantic Dinner“ ist der Soundtrack zum elektronischen Kaminfeuer und ein Lied, das auch gut und gerne auf die oben rezensierte Platte von „Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf“ passen würde, „Tre elefanti danzanti“ wäre der passende Soundtrack für die Neo-Futuristen und auch auf den anderen Liedern pluckert und plackert es, das es nur so eine Freude ist. Ehe uns der „Tellerwäschermillionär“ in seinem reprise freundlich-charmant aus dieser außergewöhnlichen CD hinausbegleitet, hören (!) wir unglaublicherweise 1000 Milligramm Calcium. Ulrich Troyer gelingt es, den Fundus der elektronischen Möglichkeiten, Musik zu machen, in der richtigen Dosis einzusetzen. Eine ebenso radikal-experimentelle wie charmante und hörbare Platte, die Lust auf viel mehr macht. Sehr charmantes Werk.

Werbeslogan: „Audio-lukullische Spezialitäten aus der elektronischen Küche!“


CD „Kitsch concréte“ von Fritz Ostermayer (mego)

Aufgenommen daheim (unterm Bett) und bei Franz Reisecker (hinterm Ofen). Mix und Mastering: Patrick Pulsinger (under great CHEAP circumstances). 2 Lieder sind von den Sparks, eines von John Cale. Eingesetzt wurden mannigfaltige Beat-, Jodel- und Dreiklang-Samples. Solchermaßen von den Coverinformationen vorbereitet und garniert mit einem einschlägigen Josefine-Mutzenbacher-Zitat legt man die CD auf. Und es erschallt ein unglaublich attraktives „Panaudiokum“, unglaublich intensive Musik, tragende Melodien, absurde Texte, Ohrwürmer von abseits. Da ist im 3. Lied die Rede von einem „Riesenarschloch“, pathetisch vorgetragen wie eine Oper. Ein Jodler für Bert Brecht! Ein Außerirdischer betritt ein Bierzelt. Jedes Lied ist anders! Ein Höhepunkt von vielen ist das 10. Lied „Hunger (Der Rausch in der Revolte“), eine hypnotisch-hymnenartig vorgetragene Endzeitarie, in der imperativ zum Brüllen aufgefordert wird, was ein Brüllchor immer brutaler in die Tat umsetzt. Der dannnn dringend notwendige Chill out folgt stante pede mit dem letzten Song „Dream Alleinunterhalter Dream!“, der uns blubbernd ins realistische Leben entlässt. Die Repeat-Taste zieht einen schnell wieder magisch an...

Werbeslogan: „Musik für avantgardistische Swingerclubs!“


CD „Innercity Kinder“ von Marcello (MKZWO-Records)

Es ist ja inzwischen sehr chic, über deutschen Sprechgesang herzuziehen, von wegen inflationär, austauschbar, innovationsunfähig, separatistisch und battleorientiert. Und tatsächlich sollte man sich jede germanische Hip-Hop-Platte intensiv anhören, ehe man sich eine kauft. Marcello aus Ostberlin ist da eine wohltuende Ausnahme, er weigert sich, diese Klischees zu bedienen, er hat langsame tragende Lieder am Start, er hat fundierte Texte, er setzt Scratching in der richtigen Dosis ein und er hat den Flow. Diese Platte ist anhörbar, daran scheitern 90 Prozent der Battlefraktion schon mal im Ansatz. Die Texte haben Mut zum Bekenntnis von Heimatliebe, Sorge um Freunde und eigene Schwäche. Die Wortspiele sind geprägt von ästhetischem und originellem Sprachwitz: „Ich habe nichts zu verbergen, eine Fassade ist nichts!“. Die von vielen Deutschrappern vergessene oder stümperhaft umgesetzte Tradition der „Interlude“ wird hier souverän aufgeführt. Engagiert geht Marcello gegen eine unnötige oberflächliche Clubszene vor, die alles andere als real ist. Nachdenklich geht auch unser Blick in die Ferne, wenn Marcello resümiert: „Die Sprache der Rahmen das Wort die Farbe, ein Leben in ein paar Zeilen ohne Ort und Datum. Ich hab noch genug Zeit um fortzufahren...“

Werbeslogan: „Amtlicher Funksprechverkehr aus dem Osten!“


CD „Y-Files“ von And.YPSILON (Four Music)

Nach Mr. Fantastic mit “Solo” und “Lektionen in Demut” und der Fackel mit “Turntablerocker” hat nun auch “Das Ding” sein erstes Solo-Album fertiggestellt. Unter dem Pseudonym „And.Ypsilon“ legt Ben Grimm von den Fantastischen Vier sein erstes Solo-Album vor. Mit Hip-Hop hat das nichts zu tun. Es handelt sich um beseelten eleganten Elektropop in modernem Gewand. Ganz so arg, wie es Leister Simmons in einem unglaublich und unangemessen pathetischen „Waschzettel“ beschreibt (Menschenskind, langt der rein: „visionäre Achterbahnfahrt, bei der dennoch niemand so recht zu sagen vermag, wo sie enden wird...“) ist es zwar nicht, doch haben wir es mit einer formidablen Elektromucke zu tun, die einen beschwingt macht. Hie und da würde man sich eine Roboterstimme dazu wünschen. Die Ästhetik des Frauengesangs allerdings ist bemerkenswert und macht diese Platte zu einer aus dem Allerlei herausragenden.

Werbeslogan: „Ein elektronisches Yps mit 12 Gimmicks!“


CD „Radio Blackout“ von T.Raumschmiere

Ein dünner tätowierter Mann terrorisiert mit Mega-Bass-Elektronik-Gerödel die degenerierte und dekadente Clubszene. Der Mann heißt Marco Haas und zerlegt alle musikalischen Strukturen in seinem Querstromzerspaner, schleudert sie durch Ionenturbos und lässt sie solchermaßen aggressiv aufgeladen auf die arme Menschheit los. Diese CD wird geschmückt von einem Totenkopf, der einen Kopfhörer aufhat. Neben 11 Endzeitkrachern finden sich 4 amtliche Videoclips auf dem Silberling. Ein jedes Lied hat seinen eigenen Charakter. Das MUSS saulaut gehört werden. Jetzt gehe ich hin und werde den CD-Player an meinen alten Röhrenradio anschließen, Licht aus, Schwarzlicht an. Und danach lege ich „Bohren und der Club of Gore“ ein. Und dann „Dopplereffekt“. Auf Wiedersehen im Niemandsland!

Werbeslogan: „Der Soundtrack für die letzte Strecke vor dem Schwarzen Loch!“


CD „Räuberhöhle“ von „Räuberhöhle“ (megapeng)

Räuberhöhle verweist Shonen Knife auf die Plätze. Räubermädchen ist klasse. Räuberhöhle pflegt bei Live-Auftritten ein Musical mit Puppen aufzuführen, das von einem Grrrrrrrrrrrl handelt, das elektronische Musik machen will. Nebenher erteilt ein Bär Ratschläge für eine künftige Popstarkarriere. Nun, hoffen wir, dass Räuberhöhle weltberühmt werden, Konzerte in der Nähe auch deines Dorfes geben und dass bald eine DVD erscheint. Vorab ergötzen wir uns an diesen sechs Liedern, die intensiv daherkommen wie sonst nichts. Hochoriginelle minimalistische Casio-Mucke, die mer Klangfülle in den Raum wirft als so mancher Mainstreambombastmist. Gäbe es eine Gerechtigkeit, würde Kylie Minogue gegen Räuberhöhle keinen Stich auf dem Markt machen. Hier geht’s ab, das ist schrill, das ist sexy, hier geht es voran. Sechs Lieder sind natürlich viel zu wenig. Pure authentische Rotzgörenmusik.

Werbeslogan: „Der zu Ton gewordene Manga-Comic!“


CD „Gummihandschuhdudelsack“ von Sergej Mohntau (Transacoustic-research)

Und schon ist Schlammpeitziger rechts überholt. Was Titelgebung und vor allem, was die Musik betrifft. Einmal mehr kommt hochoriginelles aus österreichischen Landen. Besagter Gummmihandschuhdudelsack wird ebenso als Musikinstrument eingesetzt wie etwa das Elektro-Fenster, der Gschaftlhuberdoppelbass oder die selfmade hardcase-laptops. Nun glänzt diese Platte durch eine unwahrscheinliche Ästhetik und stilistische Vielfalt, die sie durch den wohldosierten Einsatz auch von Stimmen und elektronischen Musikinstrumenten gewinnt. “Lappen“, „Scheibenwischer“ oder „Putzkolonne“ heißen die dezent-monotonen und eingängigen Lieder. Dieses Werk gibt es auch im DVD-Format. Ich bin mir sicher, dass dieses noch reizvoller ist als die CD, denn solch eine originelle Klangerzeugung sollte man (wie übrigens auch das Genre Vinylhörkunst“) nicht nur hören, sondern auch den Entstehungsprozess sehen. Unbedingt. Oder live!

Werbeslogan: „Musik aus dem Baumarkt!“


CD „Automate“ vom Ersten Wiener Gemüseorchester

CD „Gemise“ vom Ersten Wiener Gemüseorchester (beide auf Transacoustic-research)

Diese hochoriginelle Gruppe taucht inzwischen sogar im Feuilleton von deutschen Regionaltageszeitungen auf (so unlängst im Mannheimer Morgen). Und das zu Recht! Dennnn hier wird Musik aus Gemüse gemacht. Hat man Ihnen früher eingebleut, dass man nicht mit Lebensmittel spielen solle, so dürfen Sie sich heute ärgern oder Ihre Erziehungsberechtigten zur Rechenschaft ziehen. Denn wer hat’s erfunden? Die Österreicher! Was hier geboten wird, ist eine gemischte akustische Gemüseplatte par excellence. Instrumente, die zum Einsatz kommen, sind: karottenflöten, Kürbispauke, Gurkentuba, Radirimba, Bohnenrassel, Melanzanipeitsche, Rhabharp, Gurkophon und – beinahe langweilig – diverse Küchengeräte. Dass dabei ein ebenso eingängiger wie melodischer und ästhetischer Klanggarten entsteht, das ist das eigentlich Unglaubliche an dieser Angelegenheit. Der Schenkelkracher zum Antesten ist der „Radetzky Marsch“, der hier als eine Art naturverbundener Radieschenmarsch daherkommt. „Gemise“ ist die ältere Platte, heute sind sie noch ausgerei(!)ter geworden. Natürlich kann man sich mit diesem sensationellen Konzept quasi jede Coverversion erlauben: Und so wird hier tatsächlich „Radioaktivität“ aufgeführt! Im übrigen gilt das Gleiche wie oben bei „Sergej Mohntau“ gesagt: Ich hoffe, Ihnen und mir ist es vergönnt, das Orchester auch mal zu sehen, ob auf DVD oder in einer Live-Darbietung. Klasse Artwork auch: „Gemise“ kommt mit echten Bohnen und einer Bilder-CD mit Zwiebelquerschnitt. Ein wahnsinniges Fest der vielen Sinne. Fehlt nur noch die aromatologische Komponente!

Werbeslogan: „Der Kohl macht die Musik!“


Buch „absolute Pierre Bourdieu“ – herausgegeben von Joseph Jurt (orange press-Verlag)

„....kenne ich die Nebeneffekte einer Doktorarbeit, und vor diesen Effekten will ich alle, deren Arbeit ich betreue, bewahren: aufgeblähte Einleitungen, falsche und völlig unnötige „Gelehrsamkeit, akademische Probleme und dergleichen mehr“. Pierre Bourdieu, der 2002 verstorbene französische Intellektuelle wird hier in einem allen andere als aufgeblähten kompaktenen Büchlein in eigenen und fremden Worten gewürdigt. Und er hatte etwas zu sagen: Sehr erfrischende Statements zum „totalen Intellektuellen“ über die „Invasion der Werbung“ bis hin zur Abrechnung mit jenen Soziologen, die sich in willkürlichen Grenzziehungen zu anderen Disziplinen und gar den eigenen Teil-Disziplinen gefallen. Geradezu dosistisch ist zum Beispiel die Analogie zwischen „freimütigem Reden“ und „freimütigem Essen“ der „einfachen Leute“ gegenüber dem „formvollendeten Essen“ des Bourgeois. Bourdieu gilt als „Meister der Lebensstilanalyse“ und er füllt diese aufregende Wissenschaftsform mit nachhaltig wirkendem und spät aufgehendem „Teig“. Seine Herangehensweisen an Phänomene wie Arbeitslosigkeit, Medien und Globalisierung sind originell, irritierend und ungewöhnlich. Der Rezensent wird sich nach Lektüre dieses Büchleins die Originalwerke dieses großen Soziologen holen.

Werbeslogan: „Dieses Büchlein zeigt: Soziologie ist sexy!“


„absolut Marshall McLuhan“, hrsg. von Martin Baltes und Rainer Höltschl (orange press-Verlag).

Man fällt mit der Tür ins Haus, genauer gesagt mit einem „Playboy“ - Interview namens “Geschlechtsorgan der Maschinen“. Frage: Mr. McLuhan, was zum Teufel machen Sie eigentlich? Antwort: Das frage ich mich manchmal auch. Ich begebe mich auf Forschungsreisen, bei denen ich nie weiß, wohin sie mich führen werden.

McLuhan hält uns einen Spiegel vor, wie Medien wie Schrift, bewegtes Bild oder Computer Körper, Seele und Geist verändern und legt schonungslos offen, wie uns Massenmedien zu Massenmenschen machen (gottlob gibt es noch avantgardistische Nicht-Massenmedien, McLuhan starb zu früh, um sich über Fanzine - Kultur als Gegenpol freuen zu können). Computer seien das LSD der Geschäftswelt. Technologie sei Kannibalismus. Und das Medium Massage. Es sind ebenso radikale wie unwiderstehlich belegte Positionen, die McLuhan vertritt. Zeitungsseiten sind symbolische Landschaften. Er schließt sicher oft über das Ziel hinaus, doch damit ist sichergestellt, dass er sein Ziel überhaupt erst erreicht. Wir wussten es ja schon immer: Medien sind ohne Moral.

Besser: Mit Doppelmoral. McLuhan weckt in uns auf äußerst erfrischende aber gleichzeitig beklemmende Weise dieses latente Wissen! Gerne hätte ich eine Affinitätsprüfung seiner Gedankenwelt mit der von Niklas Luhmann behandelt gewusst.

Werbeslogan: „Bevor Neil Postman einmal klingelte, war Marshall McLuhan schon da!“


Buch „absolute Vilém Flusser“, Hrsg. Von Silvia Wagnermaier und Nils Röller (orange press-Verlag)

Gerd Gerken, ein findiger Management-Guru der neunziger Jahre, verkündete den „Abschied vom Marketing“ und stellte dem „die fraktale Marke“ entgegen. Ein, wie sich herausstellte, äußerst erfolgreiches Ego-Marketing-Konzept. Seine Werke beriefen sich oft genug auf Vilém Flusser. Dankenswerterweise legt der Freiburger Verlag ein ebenso kompaktes wie verständliches Werk des Œuvres Flussers vor – in Schweizer Broschur. „Will man den Apparaten auf die Schliche kommen, muss man versuchen, ihre sture Absurdität gegen sich selbst anzuspielen!“ In äußerst eleganter Manier behandelt er Fotografie, Telefon, Fernsehen, Bild und Schrift und ihre Auswirkungen auf den Menschen. Besonders beeindruckend fand ich seine Untersuchung „Die Geste des Musikhörens“ : „Denn sie (die Musik, Anm. d. Verf.) ist Leben im Tod und Tod im Leben. Um das zu wissen, muss man nicht Schopenhauer gelesen haben. Um das zu wissen, muss man nur versucht haben, richtig Musik zu hören“. Päng. Das sitzt! Schon Nietzsche sagte: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum““ Auch Nietzsche kommt in dem Buch vor. Lesen Sie dieses Büchlein auch, wenn Sie Fotografen oder Filmleute kennen und verstehen wollen. Dem orange press - Verlag gebührt mit der Reihe „absolut“ das Verdienst, Leben, Werk und Gedankenwelt solch interessanter Menschen wie Flusser in der richtigen Dosis dem Leser wirklich nahe zu bringen. Schade, dass es in diese Reihe keine Philosophen geschafft haben. Noch nicht?

Werbeslogan: „1000 Aha-Effekte auf 222 Seiten!“


CD „on/off Intermedium“ von verschiedenen Artisten (intermedium records)

Als ich ein mittelgrosser Junge war, hörte ich jeden Montag um 21 Uhr das „Kriminalhörspiel der Woche“ auf SDR 1 „aus Studio 13“. Hörspiele sind eine großartige Sache. Hörspiele im weiteren Sinne finden sich auf dieser CD des „Netzwerkes für Medienkunst“ Intermedium. Es handelt sich um die Dokumentation des Festivals „Intermedium 2“, das im März 2002 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe stattfand. 6 Stücke zwischen 4 und 23 Minuten ziehen uns in ihren Bann, sind keine abgeschlossenen Geschichten, sind Momentaufnahmen, sind eigentlich auch Musik. Eine Operation, die ewige Jugend garantieren soll, läuft schief - in dem Projekt 'marbel und matrikel' von Tone Avenstroup und Robert Lippok. Für 'What's this noise?' ließ sich die Künstlergruppe 0100101110101101.ORG per Handy überwachen und gab das Material zum Remix an Negativland. Musik, die aus Herzschlägen entsteht, bildet die Grundlage für 'A sophisticated soirée' von 91v.2.0 - ein Projekt, das mit dem erstmals vom Bayerischen Rundfunk vergebenen intermedium Preis ausgezeichnet wurde. Auch 'Staubmarsch' von Hörl/Römer/Wiesner wurde prämiert: ein multimediales Konzert zu einem unspektakulären Material. Dies alles sind hochoriginelle und innovative Kunstansätze, deren genios und Einmaligkeit freilich auf der Doppel-CD nur bedingt nachvollziehbar wird. Dennoch ist dies nebenbei gesagt eine überdurchschnittliche und abgefahrene Chillout-Platte. Nächstes Jahr geht’s dann ins ZKM Karlsruhe, um das live zu erleben. Gehen Sie mit?

Werbeslogan: „Akustisches Interieur für das moderne Wohnstudio!“


CD „wake up. re:lax“ von verschiedenen Artisten (intermedium records)

Robert Lax (1915-2000) war ein Dichter, der jahrzehntelang als Eremit auf griechischen Inseln lebte und der die Dichtkunst „konkrete Poesie“ entwarf. Er beherrschte die Kunst, simple Dinge einfach zu sagen, was auf dieser Doppel-CD eingängig bewiesen wird. (Ein Beitrag findet sich sogar auch auf der an anderer Stelle in diesem Heft besprochenen „Alles LaLuLa“-CD (Part 2). Auf der 1. CD finden sich 30 Lesungen derartiger Alltagspoesie durch den Dichter selbst (in englischer Sprache). Auffällig dabei seine ruhige, sonore und relaxte Art, diese Werke vorzutragen. Die CD funktioniert nach einem hektischen Arbeitstag durchaus als „Chill out“- Mucke. CD 2 umfasst sage und schreibe 16 Remixe seiner Rezitationen durch Projekte wie Tarwater, Sixtoo, Iso 68 oder Ribot. Wohldosiert werden Akustiktupfer oder –teppiche über die Werke gelegt und somit eine würdige Interpretation in das Heute geleistet. Denn zum allergrößten teil gelingt das „Lifting“. Bleibt zu hoffen, dass dies ein Katalysator für die witzig-minimalistischen texte ist, denn dieser Dichter sollte unvergessen bleiben.

Werbeslogan: „Spannende Entspannung!“


CD „Alles Lalula 2“ Songs & Poeme von verschiedenen Artisten (Lido, der Hörbuchverlag von Eichborn), hrsg. Von Wolfgang Hörner und Herbert Kapfer

Hier handelt es sich um Grenzfälle der Poesie, um Texte und Songs, von den Autoren selbst gesprochen, gesungen, gegurgelt, geschluckauft, gezischt, geschwiegen(!) oder gebrüllt. Den Autoren? Aguiar! Antipop Consortium! Baraka! Beumer! Bijma! Blonk! Boeetcher! Bök! Braunsteiner! Burden! Cage! de Campos! Claus! Dufrêne! Duke! Einstürzende Neubauten! Federmann! Filiou! Flatz! Geerken! Ginsberg! Giroud! Gysin! Hintze! Holman! Homler! Jandl! Jurczok 1001! Kappes! Karam! Koeppel! Komar! Kubota! Lax! Lebel! Lentz! Lora-Totino! Matta! Melamid! Monastyrskij! Monk! Moss! Namtchylak! Padgett! Pastior! Prigent! Rühm! Rühmkorf! Sahli! Schaerf! Scherstjanoi! Taylor! Wawerzinek! Weibel! Die ganze Vielfalt, verbindendes Element ist das entlegene. Ob Jaap Blonk sich in einen Schreirausch steigert, der beginnt mit “Der Minister bedauert derartige Äußerungen”, ob Brion Gysin mit “All those years” wohl das harmonischste Lied der Doppel-CD beisteuert oder ob die Einstürzenden Neubauten respektive deren Publikum “Silence is sexy” zelebrieren, hier ist die Ausnahme die Regel. Ebenso wenig wie der in unserer letzten Ausgabe besprochene Teil 1 schafft man es, das Werk in einem Rutsch durchzuhören, denn es ist ebenso anstrengend wie originell. Natürlich hätte man sich einen Dirk Hülstrunk darauf gewünscht. Oder das Lied „This bauernlife macht mich bltschia“ von Wirtschaftswunder. Doch eine bessere Werkshow wirklicher Avantgarde gibt es nicht (vorbehaltlich der noch nicht erfolgten Lektüre des Lautpoesiebuches „ Fümms bö wö tää zää Uu“, m. Audio-CD von Christian Scholz und Urs Engeler.

Werbeslogan: „Hast du Töne?!“


Buch „Ein Tag im Jahr“ von Christa Wolf (Luchterhand)

1960 erging an die Schriftsteller der Welt ein Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija, sie mögen den 27. September dieses Jahres so exakt wie möglich beschreiben. Maxim Gorki hatte 1935 die Schriftsteller aufgerufen, „Einen Tag der Welt zu dokumentieren“. Christa Wolf, eine der angesehensten Schriftstellerinnen dieses Landes, setzt dem noch eins drauf: Sie hat von 1960 bis 2000 JEDEN 27. September beschrieben, eine einzigartige Kampagne, ein unvergleichliches literarisches Projekt. Eine klasse Idee, ein toller Ansatz. „Wie kommt Leben zustande?“ Mit diesem Satz beginnt das Buch und Versuche, die Frage für sich zu beantworten, ziehen sich durch das Buch wie der vielzitierte Faden in einer bestimmten Farbe. Zeit vergeht, ein „Jetzt“ gibt es nicht (vgl. die Rezension der CD von Pure Luege in diesem Heft). Es handelt sich um Tagebuchaufzeichnungen („Der Versuchung, frühere Fehlurteile, ungerechte Einschätzungen aus heutiger Sicht zu korrigieren, musste ich widerstehen“), um subjektive Momentaufnahmen an verschiedenen Schauplätzen (vom real existierenden Sozialismus 1960 in Halle über Meteln 1980 bis hin zu Pankow 2000). Dieses Buch muss man nicht zwingend von vorne nach hinten lesen: Ich begann mit dem „27.9.1962“, meinem Geburtsjahr, kümmerte mich dann um den „ostdeutschen Herbst“ 1989 und springe nun selektiv hin und her. Geprägt sind die berichte von der Tatsache, es mit einer Vollblutschriftstellerin zu tun zu haben (zum Beispiel die Vertragsverhandlungen mit dem Luchterhand-Verlag), es bietet einen Einblick in die Mikrowelt einer Schriftstellerin ebenso wie in die politischen Rahmenbedingungen vierer Jahrzehnte. Es ist im übrigen wert, die 40 ganzseitigen Schwarz-Weiss-Collagen von Martin Hoffmann zu würdigen, sie sind weit mehr als garnierendes Beiwerk, sie fassen in origineller Art und Weise das jeweilige Kapitel zusammen und bilden gleichzeitig eine eigenständig zu genießende Fotostrecke.

Werbeslogan: „41 Schnappschüsse aus der Dia-Schau des richtigen Lebens!“


Buch „Zu Rande gekommen“ von Manfred Ach (Edition Ludwig im Tale)

„Den Teufel mal ich an die Wand,

dort soll er bleiben.

 

Dem Engel öffne ich Fenster.


Im Alphabet such ich

das Weite.

 

In Oktaven flieg ich

Durch die Welt.“


Dies lesen wir unter der Überschrift „Weg“ auf der 4. Umschlagseite dieses goldigen Büchleins (76 Seiten, Postkartengröße, minimalistische Linienführung auf Vorder- und Rückseitenbild). Unter den Kapitelüberschriften „Kritische Masse“, „Scherzo“ und „Echtzeit“ finden sich Gedichte und Aphorismen, die stets EINE Botschaft tragen und von meist entwaffnender natur sind („Die Dame kämpft, der König nicht. Der verschanzt sich bis zum letzten Zug.“). Ein wunderbares Geschenk für kultivierte Zeitgenossen. Bedauerlich nur, dass sich der Illustrator Horst Wassmer nicht auch im Innenteil des Buches austoben darf; perfekt wäre die Bebilderung eines jeden Gedichtes gewesen. Es gibt übrigens 14 weitere (ähnnlich gute?) Bücher von Manfred Ach. Mehr unter m-ach.de im weltweiten Netz (und machen Sie bloß nicht den Fehler, unter manfred-ach.de zu gucken!!!).

Werbeslogan: „60 entwaffnende Ach-so Effekte!“

P.S. Sie haben doch geschaut?! Ich habe Sie gewarnt!


Buch „Voodoo in Haiti“ von Alfred Métraux (Merlin-Verlag)

Klischee: Haiti. Voodoopuppe. Dicke schwarze Frau. Nadel in der Hand. Hand sticht Nadel in Auge der Puppe. Aaaaaaaaarrrrrrggggghhh – MEIN Auge! Recherchiert man nach Literatur über Voodoo (und das taten wir, bis wir dass u.E. kompetenteste Werk fanden), stößt man auf großformatige Bilderbücher und auf Party-Gags wie „Voodoo für’s Büro mit Angestellten-Puppe“. Alfred Métraux, der bedeutendste französische Ethnologe des 20. Jahrhunderts setzt der unqualifizierten Greuel- und Sensationsliteratur, die insbesondere während der zeit der amerikanischen Besetzung Haitis von 1915 bis 1934 ein irreführendes Bild des Voodookults hatte entstehen lassen, gewissenhafte Recherchen durch EIGENES Erleben entgegen. Er war Forscher der alten Schule, der nicht aus einem verstaubten Elfenbeinturm heraus agierte, sondern von Neugier und Menschenfreundlichkeit und Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Kulturen geprägt war. So lernen wir, dass der Voodoo kein Puppentheater, sondern ein brodelnder, zischender und dampfender Cocktail aus Einflüssen des traditionellen Schwarz-Afrika, des Christentums (!!!), der Magie, des Tanzes, der Medizin, der Musik und sogar der plastischen Kunst ist. Vor allem war und ist Voodoo eine ganzheitliche Gegenkultur zu einer blutigen Diktatur und ein Lebensentwurf als Kontrast zur bitteren materiellen Armut des haitianischen Volkes. Zwei Frauen spielen eine zentrale Rolle in diesem Buch: Madame Odette Mennesson-Rigaud, eine Französin, die durch heirat Haitianerin geworden war. Und Lorgina Delorga, die wohl größte Voodoo-Meisterin. Sowohl von der weißen als auch von der schwarzen Dame konnte sich Métraux das Vertrauen verdienen und wir als Leserinnen und Leser profitieren von diesen Informationen aus 1. hand und Inneneinsichten. Das BNuch ist fundiert, authentisch, spektakulär und äußerst spannend. Es ist menschlich, einfühlsam, behutsam und voller köstlicher Anekdoten. Wir sind nicht das Maß aller Dinge in der westlichen Welt, dünkt es einem bei der Lektüre immer wieder. Die Rolle des Voodoo im heutigen Haiti wird durchaus kritisch-differenziert betrachtet: Er ist Teil der Identität des Volkes, aber auch eine Ausbeutungsmaschinerie für die verelendete Unterschicht. Eine spannende Reise in eine geheimnisvolle Welt. Reich bebildert, großartig illustriert, mit ausführlichem Literaturteil. Und 4 Seiten Voodoo-Glossarium, mit dem Sie auf jeder Party Eindruck schinden können. Ein ebenso spektakuläres wie gleichzeitig einfühlsames Buch. Geeignet zum Verschlingen UND zum Nachschlagen.

Werbeslogan: „Abobo!“ (ritueller Beifallsruf)


Buch „Till…“ von Junki Wehrmann (das Fröhliche Wohnzimmer-Edition, Wien)

Aus Vienna, Austria kommt ein Büchlein her, in dem Vokale und Konsonanten nun mal wirklich vom Packeis der „Bedeutung“ befreit werden. Dies ist wirkliche „écriture automatique“ – souverän und radikal. Echte konkrete Kunst. Folgerichtig erschien dies vor über 10 Jahren in Fritz Widhalms Wohnzimmer-Edition. Wer Herr Wehrmann ist, wissen wir nicht. Sein Opus, das in der Schriftart „Courier“ typographisch 1A in Szene gesetzt ist, ist in seiner Sprache, die sich irgendwo zwischen Unter- und Unbewusstsein verflüchtigt, unter Überschriften wie „y2“ oder „s?“, unvergleichlich. Kostprobe:

„’s elchchen

selchen eselchen

seelchen

eselchen

sin t flut

unsinnchen“

Kaum glaublich!

Werbeslogan: „Ismus Dadasurrealneofuturfluxchen!“


Buch „Kaviar und Kredite“ von Paul Forster und Michael Brauer (Kognos-Verlag)

Einer der wenigen Vorteile des amerikanischen Bildungssystem gegenüber dem unsrigen ist der Pragmatismus, der Drang zur Praxis und die Fallstudienkultur. Der Koexistenzialist sagt dazu, dass sowohl methodisch-theoretische als auch praktisch-populärwissenschaftliche Bücher in der Kombination zum Lernen taugen. Glücklicherweise gibt es den Trend zum Businessroman. Die kann man freilich schlecht (i.S.v. plump, weit hergeholt, an den Haaren herbeigezogen, Theorie und Praxis notdürftig zusammenkonstruiert, von talentfreier Erzähl-„Kunst“ geprägt usw.) oder gut machen. Das vorliegende Werk gehört unbedingt zur zweiten Kategorie. In den Kapiteln „Osietra-Kaviar“, „Deutscher Kaviar“, „Keta-Kaviar“ und schließlich „Beluga-Malossol“ erfahren wir vieles aus Privat- und Berufsleben der Jungunternehmerin Diana Mahler. Die Wiesbadenerin wächst dem Leser bald ans Herz und auf der Suche nach dem Glück und einem ausreichenden Kredit gewinnen wir einen intensiven und wohl recht authentischen Einblick in das Gebaren von Banken, insbesondere, was die Kreditvergabe betrifft. Wenn Sie ein kleines Unternehmen gründen wollen und dazu einen Kredit benötigen, lernen Sie einiges über „Rating“ und Kreditwürdigkeitsprüfungen. Quasi en passant. Die „natürliche Karrierefrau“ meistert so manche Turbulenz, übersteht Komplotte und lässt sich auch durch Rückschläge nicht bleibend aus der Fassung bringen. Abgerundet wird diese Buch durch ein „Workshop-Verzeichnis“, in dem man das Gelernte sowohl in Sachen Bankbetriebswirtschaft als auch Kaviar (!) in kompakter Form wieder findet. Eine charmante Besonderheit ist übrigens die Tatsache, dass das Buch in der Gegenwartsform geschrieben ist.

Werbeslogan: „Manchmal muss es sehr wohl Kaviar sein!“


Buch „Höhenrausch“ von Dietmar Dath (Eichborn-Verlag)

Die Andere Bibliothek (herausgegeben von Hans Magnus Enzensberger) ist eine formidable Reihe mit handnummerierten Büchern. Dietmar Dath war Chefredakteur unserer aller Jugendliebe SPEX und ist nun Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Mathematik war zu meiner Schulzeit stets ein Horror (obwohl ich Kopfrechen-Krösus und Mengenlehre-Master war) – dank eigenen bescheidenen Talents und unfähiger Pauker. Daher habe ich viel Sympathie für die Widmung am Anfang des Buches, die da lautet: „Für Cathrin Calvin, die dem Fach Mathe aus guten Gründen immer misstraut hat.“ Die Lust an der Zahl, die Faszination der schlüssigen Auflösung des Komplexen erschließt sich vielen Menschen erst nach der Schulzeit. Mathematische Genies sind in der Regel Besessene. Einblicke in Biographie, Denk- und Lebensweise und Œuvre zwanzig mir ausnahmslos unbekannter Zahlenjongleure belegen dies auf unterschiedlichste Art. Es zu lesen ist ein vergnügen, da es mit viel Esprit geschrieben sit. Viele der Theorien bleiben mir zwar nach wie vor verschlossen, doch das Faszinosum mathematik, das solche Geistesgrößen treibt, wird spürbar. In der Mathematik liegt nicht weniger Weltproblemlösungsrelevanz als in der Philosophie.

Werbeslogan: „Sechshundert geteilt durch dreissig minus achtzehn mal fünf plus zehn Einblicke in das gelobte Land der Mathematik!“


Buch „Aktion im Futurismus“ von Susanne de Ponte (Körner-Verlag)

„Ein Versuch zur methodischen Aufarbeitung von „Verlaufsformen“ in der Kunst“ nennt Frau de Ponte (zu) bescheiden dieses wissenschaftlich aufgearbeitete Standardwerk des Futurismus, jener Kunstrichtung, die von Filippo Tommasso Marinetti in Italien gegründet wurde. Dieses Buch erhielten wir eine Woche vor Redaktionsschluss, es war unmöglich, es in Gänze zu lesen und doch ist es schon möglich, eine Bewertung abzugeben: Es ist klasse, es ist eine unerschöpfliche, toll recherchierte Wissensquelle über eine hochinteressante Kunstrichtung. Plastisch und mit vielen (hochinteressanten und teilweise aufregenden!) Fußnoten belegt, berichtet Frau de Ponte über Aufruhr und Polizeialarm bei futuristischen Auftritten Anfang des vergangenen Jahrhunderts: „Das Publikum lärmt mit mitgebrachten Hupen und Sirenen, Eisenbahntröten, aber auch durch Pfeifen und mit Brüllen, Gejaule und anderen Tierlauten. Aus dem Zuschauerraum werden Münzen geworfen, die geräuschvoll auf die Futuristen einprasseln. Im Laufe des Abends fliegen aber auch Gegenstände wie Orangenschalen, Kartoffeln, Bohnen, Birnen und sogar Knallfrösche auf die Bühne.“ Es sind solche Fußnoten, die den Charme dieses Buches auch für Nicht-Wissenschaftler ausmachen. Im Sachregister findet man zahlreiche Nennungen zu Wörtern wie „Skandal“, „Schock“, „Spontaneität“ und „Situation“. Ein Anhang mit 169 (!) Abbildungen machen dieses Buch zu einer nahezu unerschöpflichen Fundgrube. Wie kritisch Frau de Ponte mit der teilweise fragwürdigen politischen Entwicklung des Futurismus (Marinettis dämliches Kokettieren mit Kampf und Krieg!), diese spannende Frage wird noch im Laufe der Lektüre dieses hochspannenden Buches aufzuarbeiten sein. Wir halten Sie auf dem laufenden. Eines klann man aber schon jetzt mit Fug und Recht sagen: Frau de Ponte legt hier nicht weniger als die „rote Bibel“ zum bzw. über (und nicht des) Futurismus vor. Wohltuend ist die in „Dank“ zum Tage gelegte Bescheidenheit der Autorin. Verlaufskunst im besonderen und Futurismus im allgemeinen werden wir im Hauptheft „Das Dosierte Leben“ fortan auf Basis dieses Buches intensiv behandeln. Auf dass der Futurismus nicht zum Plusquamperfektismus degeniere…

Werbeslogan: „Jeder Erfinder einer eigenen Kunstrichtung, so selbstverständlich auch der Dosismus, wünscht sich von ganzem Herzen eine Würdigung des eigenen Entwurfs durch Frau de Ponte!“


CD „Ich hasse Musik“ von Knorkator (SONY)

Das in der letzten Ausgabe besprochene Buch „Des Wurzels Zweig“ mit Wort- und Bildspielen war mein Geburtstagsgeschenk des Jahres und hat viele Menschen erfreut. Nun die CD, die 4, auch schon wieder. An die ersten beiden kommt sie nicht dran, doch ist sie immer noch gut genug, um alles, was an Pseudo-Funpunk in Supermärkten zu hören ist (Massenkommerzgruppen wie Ärzte, Tote Hosen oder J.B.O.) gelungen vor und auf die Füsse zu brechen. Die Geschmacksgrenze nähert sich mal wieder asymptotisch der Abszisse gen Null und in bewährter Manier liefern Knorkator ein gelungenes und energiegeladenes musikalisches Spektakel ab. Der Titelsong ist die konsequente Dekonstruktion aller Errungenschaften des musikalischen Abendlandes in Text und Ton. Ma Baker ist eine Speedcoreversion des Boney M.-Hits mit Killerstimme. „Wie weit ist es bis zum Horizont“ ist der Fortsetzungsballadenhits von „Zeig mir den Weg nach unten“. Höhepunkt allerdings ist das verwegen-innovative „Makellos“ mit einem Meta-Text über das Lied an sich selbst. Gigantisch. „Schweigeminute“ ist allerdings eine geklaute und nicht ausgewiesene Coverversion von A.O.K.s „Stromausfall“. Nach diesen und den Zwangsversteigerten Doppelhaushälften nehmen Knorkator derzeit den dritten Platz in der „Hitparade deutschsprachiger lustiger Klänge“ ein. Sie haben übrigens auch eine der besten Netzseiten in dadaismusähnlichem Stil!

Werbeslogan: „Bejahung der Verneinung!“


DVD „Trio“ von Trio (Mercury records/Universal)

Die Erfinder des Dadadaismus spielen hier groß auf mit den Liedern „Da Da Da“, „Anna (lass m ich rein, lass mich raus“), „Boom Boom“, „Tutti Frutti“, „Herz ist Trumpf“, „Turaluraluralu“ und einigen anderen. Die Videoclips sind erfrischend minimalistisch und spielen in Kneipen, Maisfeldern und ähnlich abgefahrenen Lokationen. In Bild wird noch mehr deutlich als in Ton, dass das Genios dieser Gruppe darin bestand, dass hier drei Artisten zusammenfanden, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Der elegante und extrovierte Sänger Stefan Remmler, der verwegene Rocker und Gitarrist Kalle Krawinkel und nicht zuletzt der brillant stoische Stehschlagzeuger Peter Behrens, der durchaus gut war, auf Live-Konzerten einhändig zu trommeln und sich dabei einen Apfel zu gönnen. Einige Hänger hat die DVD leider, zum Schluss wird’s leider langweilig, wenn die englischsprachigen Versionen verwurstet werden. Sonderklasse dafür die Verherrlichung ihres Heimatstädtchens Großenkneten. Der Informationssucher findet auch eine ausführliche bandbio- und –audiographie.

Werbeslogan: „Die aufregende Alte Deutsche Welle in Bild und Ton!“


DVD „Mad Foxes/Los Violodares“ (ABCDVD Schweiz)

Eines Tages Anfang des letzten Fünftel des 20. Jahrhunderts erschien ein Meisterwerk jener Filmkunst, die die hohe Kunst der tiefen Schläge zelebriert. Vorab muss gesagt werden, dass man den Film als modernes Märchen interpretieren muss und nicht anders. Denn hier geht es sehr brutal zu. Doch der Reihe nach: Der Stingray-Fahrer und Playboy Hal Wolters gerät an die Rockerbande „Mad Foxes“ und verschuldet einen Unfall, nachdem er an einer Verkehrsampel provoziert wurde. Der Unfall endet für einen der Rocker tödlich. Nun schlägt das Pendel der Brutalität zu, was sich über den gesamten Film hinzieht. Wolters wird von den Mad Foxes nach einem Disco-Besuch zerlegt, seine gerade volljährige Begleiterin missbraucht. Eine Truppe von Kung Fu-Kämpfern macht daraufhin die Rocker bei der Beerdigung ihrer Kameraden im Amphitheater frisch, der Anführer wird kastriert. Es folgt ein Angriff auf jene Karateschule mit Handgranate und Handfeuerwaffen. Der Anführer verrät sterbend die Adresse von Wolters (Marktstrasse 48). Dort angekommen, stellt sich ihnen ein Parkhauswächter in den Weg, der aus demselben geräumt wird. Doch Wolters entkommt knapp. Er fährt zu seinen Eltern aufs Land und lernt „Silly“ kennen, die er mit zu seinen Eltern nimmt. Während eines Ausritts suchen die Mad Foxes das Anwesen aus und Stiletto richtet den Gärtner mit einer Heckenschere hin. Jimmy erschiesst die Köchin, Softy ersticht das Hausmädchen. Und zwischendurch erteilt Stiletto den Erschießbefehl gegen Herrn und Frau Wolters, die Eltern des Unfallverursachers. Zurückgekommen vom Ausritt, schwört dieser Rache und sukzessive werden die Mad Foxes exekutiert. Zu Hause angekommen (Soundtrack zu dieser Morgenaufbruchstimmung kommt durch die Gruppe Krokus („Celebration“)) empfängt ihn der Eunuch mit einer Fernbedienung in der Hand und zündet die „alles vernichtende Bombe“. Aus. Warum ist dieser Film so bemerkenswert? Warum gefällt er so vielen Intellektuellen, die dem Genre sonst überhaupt nicht zugetan sind? Nun, da ist erst einmal das Drehbuch zu nennen, das jeder Oper zur Ehre gereicht hätte. Da ist die Traumbesetzung insbesondere der Mad Foxes zu nennen, allen voran der meist nackt auftretende Eric Falk als Stiletto. Da sind die unschlagbaren Dialoge zu nennen: „Der muss neun Leben haben – wie ‚ne Katze!“ – „Ja, wie ne dreckige Gullykatze!“. Da ist die wundervolle Synchronisierung ins Deutsche zu nennen, denn die temperamentvollen Stimmen und das gemeine Lachen ist in der englischen und spanischen Version bei weitem nicht so genial umgesetzt. Da ist die Musik zu nennen, weniger die beiden Krokus-Lieder als das sich durch den ganzen Film durchziehende Instrumental-Thema. Und da sind genügend Szenen zu nennen, die zeigen, dass Rocker auch nur Menschen sind: Verfolgungsjagden sind hier keine Action, sondern Slapstick. Einige Unzulänglichkeiten bemerkt man bei der Betrachtung der beiden anderen Sprachversionen, wo zum Beispiel Hal Wolters Hal Martin heisst. Sei’s drum. Der Film spielt in Barcelona, die Produktionsfirma sitzt in der Schweiz, die Schauspieler haben englische Namen. Nach 77 Minuten ist der Film vorbei. Und lässt uns atemlos zurück.

Werbeslogan: „Die Blaupause für eine blutrote Oper!“


Buch „Im Land der tausend Derbys“ von Hartmut Hering (Verlag Die Werkstatt)

In diesem 408-seitigen großformatigen Prachtband geht es um die Fußball-Geschichte des Ruhrgebiets. Wer meinte, mit dem Besitz der legendären Bücher aus dem Klartext-Verlag wie „Bergleute, Bauernköppe und ein Pascha“ das Nonplusultra von origineller Ruhrpottfußball-Literatur zu haben, wird durch dieses Werk eines besseren belehrt. 12 Autoren beleuchten alle mehr oder wenigen namhaften Vereine zwischen Hamminkeln und Fröndenberg. Sie beleuchten das Faszinosum Fußball im Kohlenpott, heute ein Mythos. Gespickt ist dieses Werk mit einer Unzahl von Fotografien aus der „guten alten Zeit“, von der viele Vereine wie beispielsweise der TSV Marl-Hüls, die Sportfreunde Katernberg oder der SV Sodingen sich heute nichts mehr kaufen können. Themen wie „Fußball und Presse im Ruhrgebiet“ oder „Fußballstadien im Ruhrgebiet – von der Kampfbahn zur Arena“ würzen die vielen Kompetenten historischen und gegenwartsbezogenen Arbeiten. Und: Man erfährt viel über den Bergbau. Ein El Dorado! Und Rot-Weiss Oberhausen lebe hoch!

Werbeslogan: „Pfeif auf die Wunder von Lengede und Bern – zieh Dir dieses wunderbare Buch rein!“


Buch „Preußen Münster – Fußball zwischen Filz und Fans“ von Hubert Dahlkamp und Dietrich Schulze – Marmeling (Werkstatt-Verlag)

„Fußballbücher für Fans, die mehr wissen wollen“ mit diesem Slogan wirbt der Werkstatt-Verlag für eine Anzahl von Bücher, die sich um Vereine kümmern, die heute nicht mehr im Rampenlicht stehen, gleichwohl aufgrund einer langen Tradition und einer obskuren Geschichte unvergessen sind und eines Tages sicher wieder an die Pforte des bezahlten Fußballs klopfen werden. Exemplarisch haben wir ein 430 Seiten starkes Buch über den SC Preußen, einst Gründungsmitglied der Bundesliga vorliegen. Belegt mit zahlreichen Fotografien aus der vereinsgeschichte, die 1906 ihren Ursprung nahm, zeichnen die Autoren in äußerst lebendiger Sprache und mit viel Hintergrundwissen, die mit besonders vielen Höhen und Tiefen gekennzeichnete Clubhistorie nach. Bei den Adlerträgern ging es stets drunter und drüber: Waren die fünfziger Jahre noch „Preußens Gloria“ und scheiterte man in den siebziger Jahren mehrere Male tragisch – knapp am Wiederaufstieg, so befindet sich der Verein nun in einer, am Potential des Standorts Münster samt Einzugsgebiet gemessen, unwürdigen Position 17 der 3. Liga. Und der vor wenigen Wochen wieder angeheuerte Trainer Hans - Werner Moors sagte den Autoren damals: „Beim SC Preußen reden sie nur vom Professionalismus, wissen aber nicht, wie das Wort geschrieben wird!“. Dafür gibt es in der Tat viele Belege. Kostprobe gefällig: „Das Essen, das die Spieler erhielten, war so knapp gehalten, dass man anschließend „noch eine Pommesbude aufsuchen“ musste. Der Mannschaftsbus glich einem Linienbus“. Und so weiter und so fort. Wie eins grün-weiss-schwarzer Faden zeiht sich vor allem die Amateurklasse von Vorständen durch, was zu abenteuerlichen Situationen führte. Ein unglaublich lesenswertes Buch!

Werbeslogan: „Geschichten von prassenden Präsidenten, wahre Geschichten aus dem Adlerhorst“.


Buch „Das Venus-Spiel“ von Charles Simmons (Verlag C. H. Beck)

Ungewöhnlich ist das. Der Umschlag: Eine besonders lange (sic!) Banane liegt auf Millimeter-Papier.

Ungewöhnlich ist das. Die Geschichte. Ein Quacksalber überredet den Protagonisten Ben ein neues Medikament zu testen, das „Venus“ heißt und mit dem verglichen sich „Viagra“ wie „Klosterfrau Melissengeist“ ausnimmt. Ben lässt sich breitschlagen, nimmt eine Dosis des noch nicht zugelassenen Aphrodisiakums und macht eine Punktlandung bei der attraktiven Cynthia. Außer Kontrolle gerät die Geschichte, nach dem auch Cynthia „Venus“ goutierte, was zuckende Handlungsstränge mit weiteren Damen wie „Missy“ „Norma“ und „Penny“ nach sich führt. Eine Mischung aus erotischer Hyperleidenschaft und Verfolgungsjagden durch das Buch (die Sexpillen –Mafia!) gibt der Erzählung Drive und Tempo – ich habe die Dosis von 181 Seiten an einem Stück genossen! Weitere Bücher des Autors müssen unbedingt her. Ach ja: Das Ende ist .... dick!

Ungewöhnlich: Die Sprache. Sie erzeugt eine frivol-surreal-grinsend-absurde Stimmung, die der Geschichte angemessen ist.

Werbeslogan: „Alles hast ein Ende – nur die Banane zwei!“


Buch „Dada und Futurismus in Japan“ von Thomas Hackmer (iudicium-Verlag)

Diese Untersuchung zur „Rezeption der historischen Avantgarde“ wurde im Sommer 1999 an der Philosophischen Fakultät für Altertumskunde und Kulturwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München als Dissertation erstellt. Ein glücklicher Mensch, wer durch solch ein spannendes Thema zu höchsten wissenschaftlichen Ehren kommt! Und das zu Recht: Für jeden Avantgardisten ein Fundbrunnen in ebenso kompakter wie erstaunlich lebendiger Sprachform stellen diese 248 vor Querverweisen nur so strotzenden Seiten dar.

Wir lernen, dass Marinetti, der Futurist schon 1909 in Japan bekannt wurde, dass Dada bald folgte (27. Juni 1920) und alsbald eine eigenständige japanische Interpretation entstand. Wir lernen die „post-kubistischen“ Gedichte von Kanbara Tai kennen, wir lernen Hirato Renkichi, den „japanischen Marinetti“ kennen, wir lernen Tsuji Jun, den ersten japanischen Dadaisten kennen. Takahaski Shinkichi, der Dichter des Dadaismus“ schrieb Manifeste mit Sätzen wie „Das Universum ist eine Seife. Die Seife ist eine Hose.“ Auch Hagiwawara Kyôjirô und Murayama Tomoshi werden uns vorgestellt.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis lädt zum Vertiefen ein. Dieses Buch sollte unbedingt in „populärwissenschaftlicher“ und reich bebilderter Form für ein größeres Publikum ausgearbeitet werden!

Werbeslogan: „Gelbe magische Kirschblüten“


Buch: „Neoismus“ von Oliver Marchart (edition selene)

Die wesentlichen Quellen des Neoismus sind Fluxus und Mail-Art. Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus, Kubismus, Situationismus und Futurismus sind höchstens Vettern dritten Grades vom expressionistischen Zweig der Familie. Der Neoismus (Stewart Home ist wohl noch der bekannteste Verteter) ist originär angloamerikanisch, ehe er 1982 ausgerechnet in Würzburg landete – in Form des „1. Europäischen Trainingslagers des neoistischen Netzwerks“. In Peter Belows Schrebegarten! Ein Manifest darf natürlich nicht fehlen: „Die Neoist Cultural Conspiracy bejaht die Notwendigkeit der Neoist Cultural Conspiracy“. Dieses Buch – 128 Seiten in quadratischem Format – strotzt nur so vor Innen- und Außenbetrachtungen, vor Faksimiles von Flyern, Manifesten, selbstreferentiellen Kunst-Theorien. Das Buch ermöglicht ein Eintauchen in eine Kunstrichtung, die schwieriger zu fassen ist als einen Pudding an die Wand zu nageln. Möchten Sie eine eigene Kunstrichtung entwerfen? Dann lesen Sie dieses Buch vom Aufstieg und selbstgewählten Fall der „irren Neos“. Was taten sie? Bier- und Sportschau-Konsum als eine Form von sukversivem Kulturkampf gegen die „linken Spießbürger“ zu verstehen. Still schweigen für 24 Stunden. Fußball mit drei Mannschaften. Streit als Werbestrategie. Und noch viel mehr solcher Sachen!“ Sehr inspirierend, das!

Werbeslogan: „Die Blaupause zur Gründung einer radikalen (Nicht-) Kunstrichtung“


Buch „Narrenblut“ von Eric Scherer (Societäts-Verlag)

Eine mörderische Fastnachtsposse, die einen tiefen Einblick in den Mikrokosmos der ach so lustigen Mainzer „Fasenacht“ offenbart. Hier wird gestumpt, sich beharkt und getreten, nur um sich die besten Plätze bei der großen Fernsehsitzung zu sichern. Die Hauptprotagonistin Corinna Uhl, sie ist Lokaljournalistin und Tochter eines Vollblutfastnachters, sticht in das viel zitierte Wespennest, als sie in einem Mordfall recherchiert: Einer der bekanntesten Mainzer Fastnachter wurde tot im Rhein gefunden....

Die Story ist spannend und äußerst lebendig geschrieben. Besonders köstlich (Clever – und Smart-Heftchen lassen grüßen) sind die echten Zeitungsmeldungen, die eingestreut werden: Da ist von einem falschen Schutzmann die Rede, der mit 2,4 Promille Blutalkohol den Verkehr vor dem Mainzer Hauptbahnhof „regelte“. Oder von einem Vampir, der es bei der Verkleidung nicht beließ und einer Dame eine echte schwere Bisswunde zufügte. Scherer nutzt neben eigentlicher Geschichte und diesen Meldungen einen Dritten Strang, um den Alltag in einer handelsüblichen Lokalredaktion treffend zu skizzieren. Ein echter Mehrwert!

Werbeslogan: „Der ideale Roman für Faschingsfans und -muffel: Beide werden durch das Buch in ihren Ansichten bestärkt!“


Buch: „Elefant sucht Porzellanladen“ von Bernhard Geue (Kreuz-Verlag)

Warum wir oft das Richtige wollen und garantiert das Falsche tun. Dies aufzuzeigen ist das Ziel dieses köstlich illustrierten 114 Seiten starken Büchleins. Es gibt wohl kaum eine treffendere Metapher für „Fehlverhalten mit schwerwiegenden Folgen“ als den „Elefanten im Porzellanladen“. Doch was ist zu tun, um glücklich, zumindest zufrieden und ausgeglichen zu sein und mit seinen Mitmenschen gut auszukommen? Sehen Sie, auf dieser Welt gibt es zwei Kategorien von Ratgebern: Die einen, die mit erhobenem Zeigefinger und neunmalklug bedeutungsschwangere Theorien sich gut bezahlen lassen: Vergessen wir sie. Und die anderen, ungleich selteneren, die mit Herzensbildung, gesundem Menschenverstand und einer gehörigen Dosis Eigenironie mit gutem Beispiel vorangehen. Und so könnne wir uns von Gesellen wie Alfons Schreckenbürger. Ralf Hanfstengel oder gar Jolanthe Quakenbrück aufzeigen lassen, wie man es nicht macht. Früher oder später erkennt man sich selbst in den Geschichten und fängt an, nachzudenken. Über sich und seine Verhaltensmuster. Nach den 14 wohldosierten und äußerst lustigen Lektionen ist man wirklich schlauer und motiviert, etwas an sich zu arbeiten. Kann man einem Ratgeber ein besseres Zeugnis ausstellen?

Werbeslogan: „Guter Rat ist lustig!“


Michel Viewegh: „Roman für Frauen“

Zwischen Dezember 1999 und Mai 2000 erschienen im Vierwochen-Turnus auf Werbetafeln in der Prager Metro insgesamt sechs Liebesbriefe des „verzweifelten Verliebten A.“ an seine „Ex-Freundin Marie“. Diese Briefe haben in der Öffentlichkeit viel Aufsehen erregt. Im April 2001 hat Michael Viewegh zugegeben, der Verfasser dieser Briefe zu sein. Er war von einer PR-Agentur gebeten worden, Beiträge für die Aktion „Prosa in der U-Bahn“ zu verfassen.

Für Viewegh war die Sache damit nicht gegessen, denn nun küsste ihn die Muse und er wurde durch jene Briefe zu seinem „Roman für Frauen“ inspiriert: Laura arbeitet in der Redaktion „Die Harmonische Frau“ (welch genialer Zeitschriftenname!) und bearbeitet dort die Leserbriefe. In der bewährten originellen, ja hochoriginellen Art und Weise nimmt uns der tschechische Superstar-Literat mit auf die Reise, in der wir Laura, ihre Mutter und ihre beste Freundin Ingrid auf der „Suche nach der modernen Beziehung“ begleiten dürfen. Stilelemente des Ungewöhnlichen sind Kapitelüberschriften, kursive Textstellen mit Zitaten aus der Weltliteratur (sehr passenden Zitaten!), Texte in Klammern (Darstellung der Gedankenwelt) sowie fettgedruckte Passagen, die beim Vorlesen LAUT und betont zu sprechen wären. Sprache, Dramaturgie und Übersetzung: Alles prima!

Werbeslogan: „Eine an-, auf- und erregende Lektüre!“


Buch „Wachstumschance einer Unterhose“ von Gerhard Fischbach und Wolfgang Jassner (Redline-Wirtschaft im Verlag Moderne Industrie)

Wachstumschancen einer Unterhose, oder: Wie man einen Markt erregt, darum geht es, genauer gesagt: Um die Marke „Bruno Banani“. Eine Erfolgsgeschichte. Eine Kultmarke. Eine Fallstudie. In coolem Design, pfiffig bebildert, sexy gestaltet. Mit einem Plädoyer für die Kreativität. Mit einem Plädoyer für das Selbst-Vertrauen. Mit einem Plädoyer für das Spektakel. Und mit einem Plädoyer für die Zukunft. Der Innovationsführer ließ Unterhosen im Weltraum testen. Bruno Banani mache vieles anders, aber nicht alles. Und gewann auf ganzer Linie: Steigerung des Markenumsatzes von o auf 35 Millionen in 10 Jahren. Im Bermuda-Dreieck wurde in einer Meerestiefe von 4.800 Metern ein Drucktest für die Linie „YOUR OXYGEN UNDERWEAR“ durchgeführt. Es ist beruhigend zu wissen, dass solche flippigen Unternehmen dank Kreativität und Innovationslust Erfolg haben. Man nehme sich ein Beispiel daran und adaptiere die Erfolgsmuster auf das eigene Produkt!

Werbeslogan: „Lehrbuch der tricky Markentechnik!“


Buch „Handbuch deutschsprachiger Literaturzeitschriften“ hrsg. Von Dorothée Leidig und Jürgen Bacia (Autoren-Verlag Matern)

Der Literaturzeitschriftenmarkt wurde immer unübersichtlicher. Grund genug für die Autoren, sage und schreibe 454 deutschsprachige Magazine zu katalogisieren – mit Kurzcharakteristik, technischen Daten. Auflagenzahlen und Kontaktadressen. Eine Fundgrube für Leser und Schreiber und selbst „Szenemitglieder“ wie der Verfasser dieser Zeilen lernen noch so manches dazu: Dass es mit der „Artischocke“ eine originalgraphische Künstlerzeitschrift gibt, bei der MitarbeiterInnen ihr Interesse signalisieren können und „gegebenenfalls benachrichtigt werden“. Oder, dass es mit „Van Goghs Ohr“ eine weitere Mannheimer Literaturzeitschrift gibt. Wohltuend auch der Diss an „alle, die in klandestinen Winkeln sitzen, die keine Telefonnummern preisgeben, die chronisch antwortresistent sind oder die auf Götterwinden über allem Irdischen schweben"“ Die wurden in einer separaten, 121 Titel umfassenden Liste versammelt, die den Titel trägt: "„Zeitschriften, über die wir gerne mehr wüssten". Systemimmanenter kleiner Nachteil: Seit 31. Mai 2001 ist viel Wasser den Rhein heruntergeflossen und in der schnelllebigen Landschaft der Literaturblätter sicherlich so mancher Titel den „Bach hinuntergegangen“. Aktualisierte Auflage oder Internet-Pendant tun not, doch man kann ja nicht alles haben....

Werbeslogan: „Meisterwerk der Literatur-Vermessungstechnik“.


Buch „Parallelwelt“ von Tine Wittler (Argon-Verlag)

Eine Karrierefrau aus der Medienwelt wirt arbeitslos. In 16 Kapiteln:

  • „Jetzt freuen!“ (Glamour)
  • „Schock! 4,6 Millionen ohne Job!“ (Bild)
  • „Mut zur zweiten Karriere: Über die Kunst, neu anzufangen“ (Focus)
  • „Wachstum fast bei null“ (Hamburger Abend-Blatt)
  • „Generation 03: Schlau sparen, Spaß haben“ (Allegra)
  • „Die Generation der 30- bis 40-jährigen hat schon verloren, bevor sie richtig loslegen konnte“ (Frankfurter Rundschau)
  • „Fünf-Punkte-Plan für Sanierungsfall Deutschland“ (Süddeutsche Zeitung)
  • „Reformdruck erhöht sich“ (Süddeutsche Zeitung)
  • „Ich-AG > das Unwort 2002“ (Der Tagesspiegel)
  • „Höhere Abgaben, sinkende Löhne – Jetzt fürchtet auch die Mittelschicht den Absturz (Stern)
  • „Eichel kündigt schmerzhafte Einschnitte an“ (Süddeutsche Zeitung)
  • „Alles kann anders werden. Es liegt an uns“ (Papst Johannes Paul II)
  • „Auf einer Party wird kein Job vergeben!“ (Harald Schmidt)
  • „Risiko-Jahr 2003: Die Hoffnung und die Angst, wie die Deutschen ihre Krise überwinden können“ (Spiegel)
  • „Was jetzt folgen muss“ (Die Welt)

Nachtrag: „Die Frage aller Fragen: Wie wichtig ist es, schön zu sein?“ (Allegra)

Na, wann haben Sie das letzte Mal über Ihren Job gemault? Und wie schön es wäre, mal endlich Zeit für sich zu haben? Dann begleiten Sie Marnie durch dick und dünn. Ein Roman, der fesselt, der beklemmt, bedrückt und gleichzeitig amüsiert und Hoffnung macht. Und Ihnen Ihren eigenen Job wieder in freundlicherem Licht erscheinen lässt. Eine sehr spannend geschriebene und mitreißende Geschichte. Vgl. auch www.parallelwelt-roman.de.

Werbeslogan: „Eine mitreißende literarische Achterbahnfahrt!“


Buch „Tiefenschärfe“ von Dolly Buster (Knaur-Verlag)

Ja, es stimmt. Dolly Buster, Ex-Erotik-Actrice. hat ein Buch geschrieben, einen Thriller! Und wie könnte es anders sein, es spielt im einschlägigen Milieu, geht es doch (wie schon im Vorgänger-Roman „Hard Cut“) um die sympathische Porno-Produzentin Lilly de Light, die in einen Mordfall ausgerechnet an ihrer Konkurrentin Greta Giehse hineingezogen wird.

In einer (Verzeihung!) erstaunlich spannend und lebendig geschriebenen Erzählung werden wir Zeuge vom Lebensstil der Erotikszene. Lediglich der „Krimi im Buch“ wirkt in mancher Phase etwas konstruiert.

Werbeslogan: „Ein scharfes Buch mit Tiefgang!“


„Wie wir uns erfinden“ von Heinz von Foerster und Ernst von Glasersfeld

Ein Tonband läuft. Ein älteren Biophysiker und ein älterer Psychologe unterhalten sich. Es sind die Väter des Radikalen Konstruktivismus. Das Gespräch findet sich in diesem Buch auf 250 Seiten. Ist das spannend? Oh ja! Ist das inspirierend? Und wie! Spielerisch lernen wir die beiden faszinierenden Persönlichkeiten kennen und spielerisch nähern wir uns dem an und für sich hochkomplizierten Konstrukt des Konstruktivismus. Die Standardwerke „Wege des Wissens“ (EvG) und „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ (HvF) lassen sich sicherlich nach oder mit gleichzeitiger Lektüre dieses Zwiegesprächs um einiges leichter verstehen, zumal das Wissen um die Biographie eines Autors eine ganz andere, ungleich tiefere Art von Erkenntnis zeitigt. Im Laufe der Seiten wird man mit den gebildeten Herren mehr und mehr „per Du“. Heinz von Glasersfeld: „Ich habe Wissenschaft immer als eine Tätigkeit gesehen, die Wissen schafft“. Professor Lillys zwitschernde Delphine, Katzen, Eichhörnchen und viele Metaphern werden bemüht und die Herren agieren nicht als notorische Schlauberger, sondern durchaus nachvollziehbar. Toller Ansatz! Es ist fast alles konstruiert....

Werbeslogan: „Espritgeladenes Dinner For two!“


Buch „Das Produkt“ von Doris Keller (Hanser)

Ein Businessroman über die sieben Todsünden des Marketing – und wie es besser geht. Es ist ein spannendes Buch, das die Inhaberin von DEKADO, einer Agentur für marketingorientierte Kommunikation und Gestaltung in Heidelberg, hier vorlegt. Es ist eine spannende Geschichte, die die Heldin „Giovanna“ im beschaulichen Nagold durchlebt, um als „Maulwürfin“ das Erfolgsgeheimnis des größten Konkurrenten ihres Arbeitgebers zu erkunden. Im Laufe der Zeit lernen wir die 7 Todsünden kennen.

  • Die Stellung der Marketingabteilung ist der Bedeutung nicht angemessen
  • Keine Strategie oder „stuck-in-the-middle“
  • Nichtbeachtung von Marktveränderungen
  • Keine oder unzureichende Zieldefinition
  • Falscher Mix der Maßnahmen
  • Rein stofflich-technische Produktinnovation
  • Ungeeignete Form der Budgetplanung

Dennoch wirkt dies alles nicht zu sehr konstruiert, bis auf den Schluss, bei dem es etwas zu glatt und harmonisch läuft – immerhin haben wir es mit Industriespionage zu tun. Hier zog sich Malte W. Wilkes mit seinen Marketing-Roman „Good Life“ etwas eleganter aus der Affäre. Klar ist, dass eine Love-Story mit Happy End sich durch die peppige Story zieht. Ein originelles Buch mit integriertem Ansatz – einem Gewinnspiel unter www.businessroman.de. Cool!

Werbeslogan: „Charmant verpackter Marketing-Turbo-Kurs!“


Buch „Lass dich verwöhnen“ von Tamara Domentat (Aufbau-Verlag)

Wohl kein Sachverhalt ist mit so vielen Klischees behaftet wie die käufliche Liebe. Daher ist der methodische Ansatz, den die Autorin anlegt, der richtige: Sie führt mehr als 70 Klischees auf und es gelingt ihr, die meisten zu widerlegen, zumindest jedoch zu entkräften oder zu relativieren. Leserin und Leser werden mit Tatsachen konfrontiert, die heuristisch, wissenschaftlich oder durch O-Töne belegt sind. Man hat zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch Prostituierte gibt, die Sex gegen Geld zu tauschen, um während ihrer Abschlussarbeit keinen zeitraubenden Job annehmen zu müssen. Man lernt, dass Moral insbesondere in diesem Feld vollkommen fehl am Platz ist. Die Lektüre verhilft einem zu einem durchaus differenzierten Bild über Prostitution in Deutschland, auch wenn manche der „Klischees“ etwas weit hergeholt scheinen (z. B. Klischee Nr. 13: „Freier gehen unbefangen, selbstsicher und zielgerichtet vor, wenn sie Prostituierte besuchen“). Besonders interessant sind die Originaltöne. Eine beeindruckende Milieustudie.

Werbeslogan: „Eine unverklemmte Milieubetrachtung mit Vorurteilzerstörung!“


Zeitschrift „Du“ Nr. 739

Das Schweizer Kulturmagazin zeigt in einer außerordentlichen Aufmachung auf, „was Zeitgenossen wissen müssen“ und zwar von A – Z. Ja, diese Zeitschrift ist ein Lexikonheft mit sage und schreiben 302 Einträgen, vielen Abbildungen sowie 13 opulenten Farbtafeln. Auf höchst originelle Art und Weise werden Begriffe wie die folgenden abgehandelt: Alphabet, Bekenntnisse, Cäsiumuhr, Denglisch, Ewiges Leben, Fröschlitest, Glück, Herrensandale, Ich, Jobs (Steve), Kannibalismus, Luxusautos, Matrix, Nachhaltigkeit, Optimismus, Pop, Quantenbit, Radiohead, Süßwasser, Trend, Utopie, Veto, Wunder, Xundheit, Yorke (Thum). Das Impressum findet sich konsequenterweise unter „i“ eingereiht und als letzte Nennung findet man unter „Zukunft“ die Vorschau auf die Ausgabe Nr. 740!

Die erklärenden Texte zu den Begriffen sind meist originell, witzig und geistreich. So findet man unter „Alphabet“ die prozentuale Häufigkeit der Buchstaben in deutschen Texten (Rang 1: E (17,4), Rang 26: Q (O, 02) Köstlich!

Werbeslogan: „Die hohe Kunst außergewöhnlicher Zeitschriftenkultur!“


CD „Fertigmensch“ von Japanische Kampfhörspiele (Bastardized Recordings)

„Wir hören nicht mehr Eure Pinkepinkepunkmusik“ schreit einem das Band-T-Shirt entgegen. Und die CD hält, was das Hemd verspricht. Eher radikaler als die beiden Vorgängerplatten und Vorfreude machend auf die 2004 erscheinende Langspielplatte röhrt und rödelt es einem ein Lärmbrei und Geschrei um die Ohren und in die Ohren, dass es nur so qualmt. Das Genre „Grindcore“ ist mit dem Besitz einer oder mehrerer CDs der Japanische Kampfhörspielen abgehakt, mehr braucht man nicht. Die Texte sind konsequent nihilistisch und werden in abwechselndem Geschrei und Gegrunze kredenzt. Nicht nur der Bandname ist genial, sondern auch der Titel: „Alle wollen gut aussehen (tun es aber nicht)!“. Recht haben Sie. Harte metallische Klänge? Wenn schon, denn schon!

Werbeslogan: „Grrrrrrrrrrrrrrrrmanischer Grrrrrrrrrrrrrrndcore!“

 
Buch „Der Heuchler“ von Hans Wilfried von Stockhausen (Edition Wort und Zeit Triga-Verlag)

Beklemmende Dorffilme und Kleinstadbücher sind ein faszinierendes Genre und zeigen trotz oder gerade durch Überzeichnung der Charaktere die oft gefühlskalte Realität der Provinz auf. Sehr beeindruckend gelungen ist dies Ludwig Fels mit „Ein Unding der Liebe“, dessen Verfilmung als Fernseh-Zweiteiler ebenfalls schonungslos oben Gesagtes aufzeigt. Stockhausens Drama spielt sich ab zwischen Jägerzäunen, Wirtshäusern und Schützenvereinen. Es sind die Honoratioren, die am meisten Dreck am Stecken haben. Es sind die vom Schicksal ohnehin Gebeutelten, die keine Chance haben. Es ist der reiche Mann, der sich auf Kosten anderer selbst verwirklicht. Es ist sein unehelicher Sohn, den er verleugnet, und dessen Leben eine einzige Identitätskrise ist. Es ist die Doppelmoral, die einen bei der Lektüre ankotzt und fesselt.

Das Buch glänzt mit einer erschreckend plastisch beschriebenen Kleinstadtstudie, die sich ohne weiteres so abgespielt haben könnte, wie sie hier beschrieben ist. Das Buch lebt von der schlüssigen Geschichte und von der schonungslos deskriptiven Sprache.

Werbeslogan: „Ein unglaublich aufwühlendes Buch!“

 

Buch „Hypochondrium“ von Rüdiger Saß (Po Em Press-Verlag)

 

Den Leserinnen und Lesern dieser Zeitung ist der Autor ein Begriff, hat er doch so manchen Beitrag zum Dosierten Leben geleistet. In Thomas Schweisthals Verlag erschien ein wunderbares Büchlein, das 22 literarische Kurzfilme zusammenfasst. Kafkaeske Skizzen, surrealistische Momentaufnahmen, absurde Passagen, die sich weigern, die abstrakte Hülle zu verlassen und griffig zu werden, lassen dem Leser viel Interpretationsspielraum übrig.

Das Traumrestaurant, das Hotel „Zum Schwanen“ oder die Kneipe „Grind“ sind die Schauplätze, in dem sich Herr Aha und seine Verwandten aufhalten, um von Herrn Saß solchermaßen platziert, positioniert und beschrieben zu werden. Der Untertitel des Büchleins lautet „Montagmorgengeschichtetes“. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die Geschichten gehören gemalt oder verfilmt!

Werbeslogan: „ Tagträume auf dem Weg zur Narkose!“


Buch „Gilles Deleuze im Wunderland: Zeit- als Ereignisphilosophie“ von Mirjam Schaub (Wilhelm Fink-verlag)

Gilles Deleuze (mit seinen hundert Rhizomen und tausend Plateaux) ist einer der wohl schillerndsten Philosophen. Und schillernde Philosophen sind faszinierende Philosophen. Daran tut auch die Tatsache keinen Abbruch, dass sich für uns normalsterbliche Hobby-Philosophen das Œuvre nicht ohne weiteres erschließt; ganz im Gegenteil: Bei Deleuze handelt es sich um richtig harte Kost mit Tendenz zum Krassen. Doch macht gerade dies oft das Faszinosum aus: „Je mehr Deleuze systematisiert, kategorisiert, oder (von seiner Frau Fanny Deleuze) Schemata aufzeichnen lässt, desto deutlicher entsteht der Eindruck eines schweykschen Abenteurers, der durch die Übererfüllung einer Konvention diese schneller und endgültiger zur Auflösung bringt als dies einem offenen Kampf mit ihr möglich wäre.“ Die schlechte Nachricht zu dem hier besprochenen Buch: Es liegt in der Natur der Sache bzw. es ist systemimmanent, dass auch es für uns Hobbyphilosophen bzw. Experten der mittleren Philosophie sehr schwierig zu lesen ist. Doch ganz gleich, ob Sie die Rezeption per Perzeption oder (eher deleuzianisch) per Apperzeption durchführen, haben Sie hier eine Fundgrube an gelungenen Annäherungsversuchen an Das Werk des Gilles Deleuze in Händen. Deleuze hat nicht weniger getan, als die drei Zeitstränge Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem Zopf zu verflechten und um den Raum zu wickeln. Besonders originell ist die Betrachtung des abgefahrenen Buchs „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll. Nehmen Sie sich aber Stunden dafür Zeit: Lesen Sie dieses Buch im Zeitlupentempo und skizzieren Sie Frau Schaubs Gedanken möglichst graphisch auf einem Block, dann erschließt sich (früher oder später) die Wucht der Gedanken! Jeder zieht sich aus einem Philosophiebuch das raus, was ihm entspricht: Daher meine persönliche Rezeption:

  • Als Gründer der neuen philosophischen Richtung „Koexistenzialismus“ (vgl. ausführlich Das Dosierte Leben Numero 30!) blieb mir der Mund offen stehen, als ich den Satz las: „Die philosophische Zeit ist somit eine grandiose Zeit der Koexistenz (un temps grandiose de coexistence), die das Vorher und Nachher nicht ausschliesst, sie aber in einer stratigraphischen Ordnung übereinanderschichtet.“ Und „Die Philosophie ist Werden, nicht Geschichte; sie ist Koexistenz von Ebenen, nicht Abfolge von Systemen.“
  • Die Abgleichung zwischen einem Kinderbuch und einem Philosophen ist eine der originellsten Ideen, die es überhaupt gibt (ebenfalls eine Art Koexistenz!): Wer hat Lust, eine Abhandlung über Nietzsche anhand des genialsten deutschsprachigen Kinderbuches (Rolf Ulrici: „Der Elefant im Porzellanladen“, Schneider-Verlag 1966) zu schreiben? Bitte melden!
  • Liedtexte, die mir zu der Lektüre einfielen: „Das ist vorwärts. Das ist rückwärts. Und das ist alles gleichzeitig!“ (Mythen in Tüten)
    “Atom ist ein Artist. Zeit ist ein Looping. Wir gehen durch diese Tür. Immer. Und immer wieder.“ (DIN A Testbild)

Ob sich Frau Schaub über diese Komplimente aus dem Munde von uns nicht wirklich Berufenen freut, würde uns interessieren, lieber Wilhelm Fink-Verlag. Doch haben wir eine gewisse Dosis Hoffnung, dass solch eine herausragende Kapazität in ihrem Metier Komplimente aus der „Amateurliga der Philosophie“ als erfreulich ansieht. Sie gar zu überreden, o.g. Punkt 2 zu übernehmen und eine Textanalyse zu Punkt 3 zu entwerfen, wäre vermessen. Aber genial.

Dieses Buch wird nie im Leben in irgendeinem Bücherschrank verstauben. Es wird immer wieder aufzuschlagen sein. Und es ist sicherlich spannender, sich der speziellen Philosophie in solch brillantem Tiefgang zu nähern, als mit dem 100. populärwissenschaftlichen Reader an der Oberfläche zu kratzen.

Werbeslogan: „Begreifbare Begrifftheorie!“


Buch „Radomskis Promitalk und Tittenklatsch“ von Stefan Radomski (PB-Verlag: Books on Demand)

Zunächst: Die Covergestaltung ist besch(eiden, evert und – issen). Doch es gibt ja auch eine „innere Schönheit“. Der Autor ist aus Altusried im Allgäu. Sein Weltbild ist geprägt von Heavy Metal, Fußball, dem Playboy 51, dem Wetterbericht, dem Fernsehkater Sylvester und Gänseblümchen. Seine starken Momente hat er in Werken, die sich nicht mit seinem ausgeprägten „Ich“ beschäftigen. Zu 30 % ist dieses Buch super-genial! (Andere mögen eine andere Quote haben).

Werbeslogan: „Ein Buch wie eine Wiese voller Disteln und einiger Orchideen““


Buch „Wortklaubereien“ von Gerhard Riedmann (Wolkenklang-Verlag)

Aphorismen sind ein Stilelement, um etwas auf den Punkt zu bringen. Friedrich Nietzsche war ein Meister im Aphorismen-Schreiben. Gerhard Riedmann ist ein Meister im Aphorismen-Schreiben. Auf 102 Seiten wimmelt es vor kurzen Statements wie „Schweigen ist Gold. Hat sich damit schon jemand Reichtümer angehäuft?“ Oder: „Ein Steckenpferd ist mitunter teurer als ein arabischer Vollbluthengst.“. Ein Volltreffer jagt den anderen. Fast noch besser sind die augenzwinkernden Zeichnungen von Helmuth Weber. Beide mögen bitte zukünftig für diese Zeitschrift wirken! Holen Sie sich das Büchlein, wenn Sie es satt sind, tausendmal Gesagtes zu zitieren. Zitieren Sie doch einmal Riedmann. Und: Das Büchlein ist ein ideales Geschenk für Freunde, mit denen man es gut meint.

Werbeslogan: „Ach-so-Ismen!“


Buch „Rolls Royce & Ben Hey“ von Jonathan Wood

Seit sich C. S. Rolls und Henry Royce vor 100 Jahren zur Zusammenarbeit entschlossen, ist der Name Rolls-Royce ein Synonym für hervorragende Automobile, die den allerhöchsten Ansprüchen genügen. 1931 erwarb man Bentley und gliederte die berühmte Sportwagenmarke in das Unternehmen ein. Im Heel-Verlag erschien ein 160-seitiges Buch, das die Geschichte der legendären Marke(n) in konsequent eleganter Manier in Bild und Wort würdigt. Besonders nützlich sind die blau hinterlegten „Kompetenzkästen“ mit Hintergrundwissen zu Namenskunde, Kauftipps zu allen Modellen, Fahr-Erlebnisberichten, der wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens, wichtigen Persönlichkeiten, Design, Lebensgefühl und der Sportgeschichte von Bentley. Für Kenner: Auch der Rolls Royce „Camargue“ wird gewürdigt. Selten hat ein Buch eine Faszination so gut zu transportieren verstanden wie dieses!

Werbeslogan: „Das perfekte Buch zur perfekten Marke“.


CD „Mellow Garden“ von Tenfold Loadstar (L’Age d’Or)

Diese CD kam am 17. Dezember 2003 bei mir an und sie läuft seitdem immer und immer wieder. Es handelt sich im Gegensatz zu all den anderen hier dargebotenen Produkten keineswegs um ein Nischenprodukt, sondern hier ist einfach schöne Popmusik zu hören, die zumindest zum beenden der Schreibarbeiten einer Zeitschrift den perfekten Soundtrack bietet. Caro Garskes Gesang ist engelgleich und erinnert mich an die besten Momente von „Mazzy Star“ oder „Viva Saturn“. Die Musik ist alternativ und originell genug, damit sie „im Ohr bleibt“. In „New Young“ grinst Neil Young hervor, von wegen “My my hey hey”. Und höre ich da nicht etwa den “Sympathy for the Devil“ – Chor? Eine wunderbar harmonische und ausgereifte Platte!

Werbeslogan: „Der erste Vor-Gruß des Frühjahrs 2004!“

 

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